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Kandinsky-Projekt 1
 
2008
Zur Kandinsky-Ausstellung im Lenbachhaus München vom 25/10/08 - 22/02/09
Flash-Film
Synästhetische Partitur
Wassiliy Kandinsky, Maler, Grafiker, Künstler, Lehrer am Bauhaus, könnte auch Synästhetiker gewesen sein, heißt es in Deutschland. Sean Day zählt ihn aber zu den Psydo-Synästhetikern, weil es keine handschriftlichen Aufzeichnungen von Kandinsky selbst zu seinen Wahrnehmungen gibt. Kandinsky könnte theoretisch seine Farbe-Ton-Zuordnungen, die er selbst in dem Buch „Über das Geistige in der Kunst” beschreibt, kognitiv zugeordnet haben. Doch wenn er Synästhetiker war, was genau ist dann Synästhesie? Und wie könnten seine Bilder als synästhetische Farb-Licht-Installation aufgeführt werden?, fragte die für den Sponsor des Lenbachhauses beauftragte Agentur uns, die Deutsche Synästhesie-Gesellschaft e.V..

Prof. Dr. Dr. Hinderk Emrich wurde eingeladen, die Gäste mit dem Phänomen der Synästhesie vertraut zu machen. Ich, Christine Söffing, übernahm zusammen mit der EMU, der Gruppe Experimentelle Musik und Kunst der Universität Ulm, die synästhetische Installation.

Wir suchten uns ein möglichst abstraktes Bild Kandinskys aus: das Ölgemälde „Gelb - Rot - Blau” von 1925. Sollten wir nun für eine Vertonung des Bildes die synästhetischen Zuordnungen Kandinskys wählen? Dann wäre:
gelbdie Trompete
rot (in diesem Bild) das Cello
blauauch das Cello
Doch wie könnten wir komponieren, wenn niemand von uns synästhetisch korrekt Kandinskys Zuordnungen in den Nuancen überprüfen könnte?
Entschieden einfacher dagegen wäre es, meine eigenen synästhetischen Zuordnungen zu wählen, so dass ich in jedem Moment des Hörens sehen würde, ob die Farbe des Klanges noch stimmt oder ob sich jemand farblich verspielt. So wählte ich kompositorisch und klanglich zueinander passende Instrumente: Gelb - Chimes, Rot - Bassrohr, Blau - Klavier
Doch wie sollte jetzt Kandinskys Bild als Farb-Licht-Film umgesetzt werden?
Zuerst zerlegte ich das Gemälde kompositorisch: Welche Farben treten an welcher Stelle auf? Welche Formen sind wo zu sehen? Das Bild hat zwei Hälften, die linke gelbe helle und die rechte rot-lila-blaue. Die Hälften wirken gleichschwer. Warum? Welche Kompositionsachsen bestimmen das Bild? Z.B. verlaufen die drei Kreise der Gelb-Hälfte parallel zu der Linie auf der rechten Bildhälfte:
Und schließlich: wie hat Kandinsky das Bild wohl gearbeitet? Wie ist er künstlerisch vorgegangen?
Ich beschloss, die wichtigsten Formen von Kandinskys Bild zu übernehmen sowie die wichtigsten Kompositionsachsen.
Der Film beginnt mit der Einblendung einer langsam gelb werdenden Bildfläche - Gedanke: Kandinsky grundiert die Leinwand gelb.
Um die Farben wie auf einer Bühne vorzustellen, treten sie nacheinander - in europäischer Leserichtung von links nach rechts - langsam und in Ruhe in Erscheinung.
Das gelbe Rechteck erscheint.
Die rote Form tritt auf.
Der blaue Kreis erklingt.
Wir machten die ersten musikalischen Proben - und diese aufgrund der Freundschaft Kandinskys mit Schönberg - auf atonale Art und Weise, als experimentelle Musik.

Welche Klang-Farben passen zueinander, welche nicht? Wie ändert der Klang seinen Klangraum? Wie lange erklingt welche Farbe? Und vor allem: wie könnte der im Bild so farblich variierende Hintergrund dargestellt werden?

Ich nehme jeden Klang synästhetisch als eine Form im Raum wahr. Je nachdem wie der Klang tönt, angeschlagen, gespielt wird ändert sich auch für mich die Farbe des Raumhintergrundes. Diese subjektive Musikwahrnehmung war ausschlaggebend für die Hintergrundgestaltung des Filmes.

Alle Hintergundfarben aus dem Gemälde Kandinskys sollten jeweils einzeln als Farbhintergrund im Bild erscheinen. So würde - didaktisch gesehen - der Zuschauer wissen, welche Farbe gerade gespielt wird. Kandinskys Hintergrundfarben ordnete ich dabei nach meiner Synästhesie zu den jeweils auftretenden Vordergrundfarben.

Das Bild Kandinskys stellt damit für mich alle Zeiten des musikalischen Klangverlaufes gleichzeitig dar. Im Film zeige ich die Zeiten nacheinander.

Aus allen Farben, Formen und Flächen entwickelte ich eine Komposition, im Kopf musikalisch, im Film bildnerisch. Diese Komposition erstellte ich im Programm „Flash”.

Der Film bildete nun unsere zeitliche Spielpartitur:
GelbChimesgespielt von Klaus Schmidtke
RotBassrohrein von Dieter Trüstedt entwickeltes Instrument, gespielt von Axel Baune
BlauKlaviergespielt von Tobias Hornberger

Die Hintergrundfarben:
HellgelbChimesder Klang wurde aufgenommen von Axel Baune; Dieter Trüstedt programmierte in pd ein Instrument, gespielt von Christine Söffing.
Rosa, hellorange, HautChin mit Glasstab
Hellblau, leichtgrün, lila, fliederChin mit dem Bogen gestrichenein von Dieter Trüstedt entwickeltes Instrument, gespielt von Dieter Trüstedt
Weiß - das Schweigenohne Klang
Schwarze Linien - begrenztes DunkelChin gezupftgespielt von Dieter Trüstedt

Zu unserer Partitur, dem Flash-Film, probten wir nun unser Zusammenspiel.

Um die Klänge exakt im Film auf die jeweiligen Farbflächen setzen zu können, haben wir jedes Instrument, also jede Farbe für jede Stelle ihres Einsatzes separat aufgenommen.
Dieter Trüstedt und Christine Söffing bearbeiteten dann im Tonschnittprogramm die einzelnen Aufnahmen und setzten die Klänge Farbe um Farbe in jeweils eine Filmspur ein.
Der Film ist so gestaltet, dass er in Ruhe einzelne Klänge auftreten lässt.

Filmname„Gelb-Rot-Blau”
Filmdauer6,13 Minuten
DateinameFarbfilm7
Synästhetische Komposition Christine Söffing
SpielerAxel Baune, Tobias Hornberger, Klaus Schmidtke, Christine Söffing, Dieter Trüstedt
Tonaufnahme und TechnikKlaus Schmidtke
TonschnittChristine Söffing, Klaus Schmidtke, Dieter Trüstedt
Erstellung des Flash-FilmesChristine Söffing




Der Film wurde gezeigt:
  • bei der spanischen Synästhesie-Konferenz "Artecitta" in Almeria, Feb. 2012
  • in der Ausstellung "Haute en couleurs" im Musée national d´histoire naturell Luxembourg, 7.April 2011 bis 26. Februar 2012
  • in der KulturPassage Ackermannbogen München, Juni 2010
  • im Rahmen des Flash-Konzertes „Das Kandinsky-Projekt 2”, April 2009, Atelier der vh Ulm
  • bei der Konferenz "Die fröhliche Sieben. Synästhesie, Personifikation und Identifikation" an der Medizinischen Hochschule Hannover, 29.11.2008
  • beim Musischen Tag im Stadthaus Ulm, 20.11.2008
  • in München 2008 (für die Gäste der Sponsoren des Lenbachhauses)
Veröffentlichungen zum Projekt in:
  • Söffing, Christine und Emrich, Hinderk: Das Kandinsky-Projekt. In: Hrsg: Sinha, Jasmin: Tagungsband zur Tagung Die fröhliche Sieben - Synästhesie, Personifikation und Identifikation (29. November 2008, Hannover). Verlag synaisthesis Luxemburg 2009. Der Film liegt dem Buch bei.
  • Söffing, Christine: Das Kandinsky-Projekt. Zur Kandinsky-Ausstellung im Lenbachhaus München vom 25/10/08 - 22/02/09 In: DSG Newsletter, Ausgabe 04/2009
siehe auch: uni-ulm.de/einrichtungen/muz/kandinsky-projekt.html

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